Montag, 16. Oktober 2017

Vom Zöpfe-Abschneiden und dem Abschied vom Kinderwunsch

Vom Zöpfe-Abschneiden und dem Abschied vom Kinderwunsch. Seine langen, wunderschönen Zöpfe abzuschneiden, ist mutig. Sich von seinem Kinderwunsch zu verabschieden, noch viel mutiger. Veronika hat ebenso wie ich mehrere Fehlgeburten erlitten und dennoch so viel Kraft und Mut in sich. Lest ihren berührenden Gastbeitrag auf Küstenkidsunterwegs!
 
Moin, Ihr Lieben!
 
Schon eine Weile habe ich nichts mehr über das Thema Sternenkinder oder unseren Kinderwunsch geschrieben, weil mir das momentan sehr schwerfällt. Dennoch liegt es mir am Herzen, und ich bin froh, dass Veronika die Thematik aufgegriffen und mir einen Beitrag mit ihrer eigenen bewegenden Geschichte geschickt hat.

Veronika, die ich kurz nach unserer erneuten Fehlgeburt kennenlernen durfte, hatte schon damals in meiner verzweifelten Situation so gute, ermunternde Worte für mich. Und auch wenn ihr Weg ein anderer als meiner ist, hat mich ihr Text tief berührt, den ich jetzt einfach für sich sprechen lasse:

***


Vom Zöpfe-Abschneiden und dem Abschied vom Kinderwunsch

Vor einigen Tagen postete ich dieses Bild:
  
Vom Zöpfe-Abschneiden und dem Abschied vom Kinderwunsch. Seine langen, wunderschönen Zöpfe abzuschneiden, ist mutig. Sich von seinem Kinderwunsch zu verabschieden, noch viel mutiger. Veronika hat ebenso wie ich mehrere Fehlgeburten erlitten und dennoch so viel Kraft und Mut in sich. Lest ihren berührenden Gastbeitrag auf Küstenkidsunterwegs!

Ich erhielt viele Kommentare und Nachrichten und immer wieder las ich, wie „mutig“ dieser Schritt gewesen sei. Ich dachte darüber nach. Ja, meine Haare waren lang gewesen, sie reichten mir bis in die Taille. Und sie waren dick und gesund, füllig bis in die Spitzen. Offen getragen eigentlich ein Garant für Komplimente. Ich mochte sie. Und ja, es war mutig, sie abzuschneiden. Aber nicht wegen der Haare. Sondern weil in diesen Zopf so viel mehr eingeflochten ist, weil er eine Bedeutung hat. Weil er immer länger und länger wurde, während sich freudig-naive Hoffnung in die Erkenntnis bitterer Realität verwandelte.

Aber immer der Reihe nach:

Die liebe Küstenmami und ich haben uns aus einem traurigen Anlass heraus kennengelernt. Ich stolperte über ihren Beitrag „von der Fehlgeburt nach der Fehlgeburt“, der mich mitten ins Herz traf. Denn ich kenne dieses Gefühl, weiß, wie sich der Verlust nach dem Verlust anfühlt. Und wie sich der Verlust nach den beiden Verlusten anfühlt. Und auch der Verlust nach dem Verlust nach den beiden Verlusten. Ich weiß, wie es ist, seine beiden wundervollen Kinder anzusehen und sie voller Liebe festzuhalten - während einem das Herz zerreißen möchte vor Trauer und Kummer über die Kinder, die man niemals berühren wird. Ich kenne das Gefühl, den Kindern zu erklären, dass das Baby im Bauch in den Himmel gegangen ist. Eine Million Mal die Fragen zu beantworten und ihnen dabei zu helfen zu verstehen, was man selbst doch in keinster Weise begreifen kann. Und ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn die Mitmenschen zu einem sagen, dass man doch sicher dankbar für die beiden gesunden Kinder sei. Und überhaupt, zwei reichen doch auch. Außerdem, ein Mädchen und ein Junge, ist doch alles da. Ich weiß, wie man sich plötzlich nicht mehr nur mit dem Verlust konfrontiert sieht, sondern noch dazu auf einmal erklären muss, warum man denn überhaupt noch ein Kind will.

Und so schrieb ich der Küstenmami, weil dieser Weg so schwer ist und ich sie wissen lassen wollte, dass sie nicht allein ist. Und weil ich eben auch weiß, wie sich liebevolle Worte und das Gefühl einfach traurig sein zu dürfen, anfühlen.
Vor fast drei Jahren schenkte mir eine wundervolle Frau und Wegbegleiterin einen Wollengel. Er war hochschwanger und hatte einen schier endlos langen blonden Zopf. Es war einige Monate nach unserem ersten Sternenkind und als sie ihn mir überreichte, brach ich in Tränen aus. Für mich war er ein Zeichen, dass ich hoffen durfte. Ich dankte ihr von Herzen, doch sobald ich meine Gefühle wieder halbwegs im Griff hatte, fragte ich sie halb scherzhaft, ob sie den Zopf nicht ein klein wenig kürzer hätte machen können? Nie hätte ich gedacht, wie richtig sie mit der Gestaltung dieser Puppe liegen würde…

Vom Zöpfe-Abschneiden und dem Abschied vom Kinderwunsch. Seine langen, wunderschönen Zöpfe abzuschneiden, ist mutig. Sich von seinem Kinderwunsch zu verabschieden, noch viel mutiger. Veronika hat ebenso wie ich mehrere Fehlgeburten erlitten und dennoch so viel Kraft und Mut in sich. Lest ihren berührenden Gastbeitrag auf Küstenkidsunterwegs!

So wurde mein Zopf also länger und länger, war Zeuge von Sternenkind Nummer 2, lag nassgeweint neben meinem Gesicht auf dem Kopfkissen nach dem Verlust unserer Hannah. Gäbe in einer chemischen Auswertung sicher detailgetreu Zeugnis über die Hormonbomben einer künstlichen Befruchtung. Erlebte das taubstumme Entsetzen über Sternchen Nummer 4, war noch da, als ich die Fähigkeit ohne Klinik schwanger zu werden verlor. Begleitete mich schmählich vernachlässigt in die dunkelsten Löcher meiner Depressionen und wieder zurück ans Tageslicht. Er war mein Begleiter durch diese Zeit und auch wenn mir klar ist, wie seltsam das klingt, so gab er mir in gewisser Weise Halt, den Mut, immer wieder aufzustehen und weiter zu hoffen. Mich nicht unterkriegen zu lassen, nicht aufzugeben und für diesen größten aller Herzenswünsche zu kämpfen. Über Jahre war es wie ein Mantra „solange die Haare noch dran sind, gibt es Hoffnung!“

Jetzt sind sie ab.

Wir haben einen Schlussstrich gezogen, es ist endgültig. Wir werden kein Kind mehr bekommen. Doch ich bin nicht hoffnungslos. Es ist nicht das Ende - zumindest nicht nur.

Unsere Tochter wurde eingeschult und wir begannen, Pläne für Veränderungen an unserem Haus zu schmieden. Während sich um uns herum jede Menge dritte und vierte Kinder auf den Weg machten, hatten wir nach Jahren - übrigens zunächst völlig ohne es zu merken - begonnen, unser Leben zu viert weiter zu leben. Pläne zu machen, in denen ein weiteres Kind nicht vorkam. Um Mark Forster an dieser Stelle zu zitieren „im Blick nach vorn liegt Linderung“.

Und plötzlich war es wie ein Aufwachen: wir waren durch. Wir hatten diese Phase unseres Lebens verlassen und zwar mit einer Gott geschenkten Leichtigkeit, weil wir es unbewusst taten. Und als wir es merkten, hielten wir einen Moment inne und sahen uns um. Wir stellten fest, dass wir zufrieden sind, dass es gut ist, wie es ist. Dass wir endlich vollständig sind.

Ich bin Mama von sechs Kindern, jedes einzelne davon besitzt all meine Liebe. Drei meiner Kinder tragen einen liebevoll ausgewählten Namen und zwei von ihnen darf ich aufwachsen sehen und hoffentlich noch lange durch ihr Leben begleiten.

Nein, es ist mir überhaupt nicht schwer gefallen, diesen Zopf abschneiden zu lassen. Es war überhaupt nicht mutig, es war befreiend. Ich muss nicht mehr kämpfen, ich kann unbeschwert mein Glück genießen. Und endlich vollständig sein.

***
 Ach, Du liebe, liebe Veronika, ich bewundere Dich: Für Deinen Mut (ja, ich finde das alles mehr als mutig), Deine Tapferkeit und Deine lieben, herzenswarmen Worte, die wiederum mir ein bisschen Mut machen. Ich weiß noch nicht, welchen Weg wir gehen werden, welcher Weg der unsere ist. Noch hoffen wir, auch wenn gerade alles schwer ist.

Doch wie immer es auch endet, eins möchte ich ebenso machen wie Du: Nie aufgeben.
 
Ahoi, Ihr Lieben, fühlt Euch gedrückt!
 
Eure Küstenmami


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Kommentare :

  1. Was für ein wundervoller, bewegender Beitrag!
    Ich würde gerne mehr dazu schreiben aber alle meine Worte lesen sich nur halb so schön und darum sage ich einfach nur danke für diesen Einblick.

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    1. So etwas in der Richtung habe ich beim ersten Lesen von Veronikas Text auch gefühlt, ich war einfach nur sprachlos, baff und voll Bewunderung <3

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  2. Antworten
    1. Dem "Danke" kann ich mich nur anschließen; ich bin so froh, dass Veronika mir diesen Text gesandt hat!

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  3. Mir fehlen gerade die Worte, aber vielleicht sagt es genau das, was ich fühle. Liebste Grüße!

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    1. Ja, manchmal sagt Schweigen mehr als Worte. Liebste Grüße zurück!

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  4. Rumpelstilzchen2.021. Oktober 2017 um 15:28

    Ein Text, der einem das Herz zerreißt und gleichzeitig in tiefen inneren Frieden fallen lässt (ich weiß, das geht eigentlich nicht). Es ist das unbegreifliche Chaos des Lebens, das einfach geschieht, während wir noch planen. Und nur, wenn wir das Geschehen wirklich annehmen, können wir auch nach schlimmstem Leid noch Erfüllung finden. Sage Veronika tief empfundenen Dank; sie hat es in liebevoller Weise zum Ausdruck gebracht, wie es besser nicht geht.
    LG Rumpel

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    1. Das sage ich ihr von Herzen gerne, ganz lieben Dank! Ja, das Leben - das Glück, das Leid und alles dazwischen - anzunehmen, so wie es ist, ist wohl eine der größten Herausforderungen. Doch wenn es klappt, ist Frieden da...

      Ganz liebe Grüße
      Küstenmami

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